Wie sich Heidi Weber erinnert, waren es die guten wirtschaftlichen Ergebnisse und der grosse Erfolg ihrer Arbeit als Innenarchitektin, das ihr erlaubte überhaubt auf den Gedanken zu kommen, Le Corbusier mit dem Projekt eines Gebäudes zu beauftragen. Anstelle einer privaten Villa, was dazu geführt hätte, dass ihr Name nur ein weiterer auf der langen Liste sehr spezieller Auftraggeber von Le Corbusier mit unverkennbaren Villen geworden wäre, macht sie ihm den Vorschlag, ein öffentliches Gebäude zu entwerfen. Es wäre ein Gebäude mit Kultcharakter, welches dem Gedanken einer Synthese architektonischer Ideen folgen würde, die Le Corbusiers Vorstellung entsprachen.

Diese Vision des Gebäudes ist somit genauso untypisch wie der Rest der Projekte, die Heidi Weber mit Le Corbusier realisierte. Tatsächlich war der Züricher Pavillon, obwohl die ersten Entwürfe auf die Idee, ein Wohngebäude zu errichten, schliessen lassen, niemals als eine solche Konstruktion gedacht.

Das Objekt, dessen Bau Heidi Weber vorschlug, löste anfangs einige Bedenken unter den Gesetzgebern der Stadt aus, da es in einem öffent­lichen Bereich entstehen sollte, der sich in einem der privilegiertesten Bezirke Zürichs befand: Dem als Blatterwies bekannten Platz im Zürich­horn Park entlang des Züricher Sees. Jedoch wurden diese Bedenken schnell zerstreut, hauptsächlich wegen Heidi Webers Freundschaft mit dem früheren Bürgermeister Zürichs, Dr. Landolt. Am 23. Juni 1960 bestätigte der Stadtrat von Zürich die Überlassung des Grundstücks. Heidi Weber informierte Le Corbusier darüber in einem Brief, den sie zwei Tage später schrieb.

1961 schlug Le Corbusier zunächst ein Gebäude aus Beton vor. Im April 1962 jedoch legte er den Entwurf einer neuen Version aus Stahl und Glas vor, in die die Vorschläge von Heidi Weber (die wieder einmal eine aktive Rolle im Projekt übernahm) mit eingeflossen waren.

1980 erklärte Heidi Weber Pierre-Alain Crosset: „Für mich stand Metall für das Neue, das Moderne. Beton dagegen gehörte zu einer vergange­nen Zeit." Charles Jencks stimmte erst kürzlich dieser Meinung zu und unterstreicht damit die Tatsache, dass es gerade Le Corbusiers letztes Werk war, das sein am weitesten fortgeschrittenes Experiment in Bezug auf die Leichtbautechnologie darstellte. Tatsächlich schloss er damit nicht nur seine vorangegangene Forschung ab, sondern es repräsentierte auch einen hypothetischen Ausgangspunkt für eine neue Stahläs­thetik, die hätte weiterentwickelt werden können, wäre sie nicht durch den Tod des Architekten zu einem Stillstand gekommen. Heidi Webers beharrliches Bestehen auf einer Metallkonstruktion traf daher glücklicherweise auf Le Corbusiers angeborene Neigung, beständig nach neuen Ausdrucksweisen zu suchen und damit zu experimentieren.

Die Rückkehr zum Gedanken eines Gebäudes aus Metall war auch ein entscheidender Faktor für Le Corbusier, da es ihm die Möglichkeit bot, das Konstruktionssystem auf der Basis kubischer „alveolarer" Einheiten (2,26 Meter auf jeder Seite) in die Praxis umzusetzen. Dies wurde gemäss der Modulor-Masse erreicht.

Obwohl die Behörden das Projekt im April 1962 abgesegnet hatten, erforderten die anschliessenden Änderungen, insbesondere die, welche das Gebäude zu einem Metallgebäude machten, die Beschaffung neuer Genehmigungen. In einem Brief an Le Corbusier im Januar 1963 brachte Heidi Weber ihren Wunsch zum Ausdruck, noch im gleichen Jahr mit dem Bau zu beginnen. Jedoch begannen die Arbeiten erst im Frühjahr 1964, gemäss der Entwürfe des zweiten Projektes, welches auf dem Metalldesign basierte.
Le Corbusier legte üblicherweise besonderen Wert auf das Dach, und zwar bis zu dem Punkt, an dem die Konstruktion des Gebäudes eigent­lich‚ vom Dach aus nach unten begann. Das Projekt wurde daher im Gegensatz zu normalen Konstruktionsstilen durchgeführt: Zuerst kam das Dach, und die Modulor-Kuben wurden im Anschluss darunter zusammengeschraubt oder vielmehr eingebaut. Die Dachstruktur ist frei schwebend und sie ist klar getrennt vom eigentlichen Gebäudekörper. Sie ist fast wie ein Schirm, welcher das Gebäude sowohl vor der Sonne als auch bei Regen schützt.
Ferner gestattete es der radikale Abstand zwischen dem Pavillon selbst und seinem Dach Le Corbusier, die Verschiedenheit zwischen zwei grossartigen Systemen unterzubringen, welche während der denkwürdigen Periode des Modernismus zu Leitmotiven geworden waren: Das flache Terrassendach und das Schrägdach. Für Le Corbusier hatte das Terrassendach seit der Zeit der Maison Citrohan zunehmend an Be­deutung gewonnen, insbesondere als ein ästhetisches Merkmal.

Das Dach des Gebäudes ist die Summe aller dieser parallelen Vorgänger und Experimente: Ein frei schwebendes Metalldach in Form eines doppelten Schirms. Mit einer Gesamtfläche von 12 x 26,3 Metern wurde es unter Verwendung von 5 mm starken geschweissten Metallblechen errichtet. Es besteht aus zwei quadratischen Teilen, wobei jeder Teil wiederum aus vier Teilen unterteilt in zwei Stufen besteht. Dies resultiert in einer geometrischen Figur mit unterschiedlichen Neigungen, so dass das Dach eine grössere Komplexität annimmt als ein traditionelles Dach mit zwei oder vier Dachneigungen. Und vor der Kulisse des Sees und des Parks erscheint das Dach nahezu wie eine Skulptur.

Wie bereits erwähnt, befindet sich der Innenraum der Maison d'Homme unter diesem dualen System aus Dach und Terrasse. Es ist ein modu­larer Raum mit dem Potential zur unendlichen Wiederholung. In dieser Hinsicht übernimmt das Dach mit seiner frei schwebenden Struktur eine weitere Funktion: Durch die Abgrenzung des Raumes, den es überspannt und den es vor den Elementen schützt, etabliert es die Grenzen, wel­che die Anzahl der Raumeinheiten regulieren und begrenzen, die reproduziert werden können. Auf diese Art und Weise ist diese Methode der Expansion, die in anderen Projekten häufig als eine vielseitige Möglichkeit verwendet wird, in diesem besonderen Projekt streng kontrolliert.

Der Innenraum ist durch eine Metallstruktur und zwei kubische Einheiten gekennzeichnet. Die Ostseite des Gebäudes weist zwei Etagen auf, die durch eine schmale Betontreppe und die Rampe verbunden sind, auf welche später noch genauer eingegangen werden soll. Die Westseite dagegen besteht aus einem zweigeschossigen Raum. Im Erdgeschoss verbindet ein langer Korridor diese beiden Bereiche, mit einer Öffnung nach Süden durch eine grosse Schwenktür, die sich zu einem offenen Raum hin öffnet, der durch das Dach überspannt wird. In diesem Bereich befindet sich ein Wasserbecken, welches die Unterseite des Daches wiederspiegelt. Dieser Korridor kann zu bestimmten Zeiten auch durch eine zweite Innenschwenktür verschlossen werden. In der ersten Etage umfasst der zentrale Kern die Betontreppe und eine kleine Bürofläche, von der ein Bereich abgetrennt ist, der als Bibliothek gedacht ist. Auf der Westseite überblickt dieser Bibliotheksbereich die zweigeschossige Halle. Im Osten befindet sich der eingeschossige Ausstellungsraum. Diese Raumaufteilung durch das modulare System vermittelt den Ein­druck eines doppelten Raumes. Darüberhinaus ist es eine der baulichen Schlüsselideen, die Le Corbusier nach dem Bau der Maison Citrohan und der Villenmodelle der zwanziger Jahre entwickelte und die er in der Unité d'habitation in Marseille umsetzte.

Bei diesem Projekt wird enorme Aufmerksamkeit auf die vertikalen Kommunikationssysteme gelegt: Die Rampe und die Treppe. Le Corbusier hatte diese bereits in anderen Projekten kombiniert, jedoch hatte er sie immer auf radikale, aber dennoch gleichzeitig komplementäre Art und Weise getrennt. Er hielt dies in seinem berühmten Satz fest: „Treppen trennen eine Etage von der anderen; eine Rampe verbindet sie." Und dann, dreissig Jahre nach dem Einsatz der Rampe in der Villa La Roche-Jeanneret oder der brillanten Kombination beider Systeme in der Villa Savoye, präsentierte Le Corbusier beide Komponenten in diesem Projekt. Ferner stellen beide Systeme die Integration von Beton in die leichte und einfache Welt aus Metall und Glas dar; sie lassen auch auf eine Synthese, eine Kooperation zwischen den drei wichtigsten Materialien der modernen Bauweise schliessen.

Die Rampe ist sehr markant. Im Gegensatz zum statischen Charakter des Raumes, der durch die kubischen Einheiten erzeugt wird, führt die Rampe vom Untergeschoss (Konferenz und Ausstellungsraum) nach oben, hebt sich (überdacht) vom Erdgeschoss ab und führt dann von der ersten Etage weiter nach oben (nicht überdacht und im Freien) zur Terrasse. Sie scheint an die architektonische Promenade zu erinnern, welche ihre höchste Ausdrucksform in der Villa Savoye fand. Die Rampe gestattet uns einen architektonischen Streifzug vom Keller, eingerahmt durch kategorischen Beton in einer wenig beleuchteten Umgebung (trotz des natürlichen Lichtes, welches durch verschiedene Öffnungen ein­tritt), zum Siegeszug von Metall und Glas, und schliesslich erreicht sie mit dem Dach eine enge Verbindung zur Natur.

Heidi Weber, dieses „Monster der Beharrlichkeit", wie Le Corbusier sie in einer Widmung nannte, in der er sich selbst ironisch als „ihr Opfer" bezeichnete, verwaltete dieses letzte Gebäude in den letzten vierzig Jahre mit der gleichen Hartnäckigkeit, welche ihr dabei half, die nahezu unüberwindbaren Hindernisse zu bewältigen, auf die sie stiess, während sie versuchte, es zu bauen. Über diesen gesamten Zeitraum hinweg konnte sich Heidi Weber nicht auf irgendwelche finanzielle Unterstützung oder Förderung von den Freunden Le Corbusiers verlassen. Auch erhielt sie keinerlei finanzielle Unterstützung von den Schweizer Regierungsbehörden oder einer internationalen Organisation. Die hohen Kos­ten für Ausstellungen, Aktivitäten, Wartung und Personal verhinderten unter anderem die Einführung regelmässiger Öffnungszeiten über das ganze Jahr hinweg, da ihr dazu die nötigen Mittel fehlen.

Wie Heidi Weber es gerne ausdrückt: „Ich hatte nie einen reichen Ehemann oder ein Familienerbe. Ich habe immer gern und hart gearbeitet, um dieses Gebäude zu realisieren und um zu erreichen, dass das letzte architektonische Werk des Meisters aus Stahl und Glas seinen Glanz behält."